//Wie berechnet sich ein Gehalt für einen Physiotherapeuten?

Wie berechnet sich ein Gehalt für einen Physiotherapeuten?

Was ist ein realistische Gehalt für einen Physiotherapeuten

In der letzten Woche sorgte der Eintrag zur Gehaltsberechnung in der Physiotherapie Deutschland Gruppe Facebook von Jürgen Pagel für Aufregung. Seine Aussage zu den Schülern, dass Sie 2.600 – 2.900,- € Gehaltsforderungen stellen sollen/können sorgte für einen Aufschrei und Irritationen. Zugegeben, auch meine erste Reaktion war: „Der kann offensichtlich nicht rechnen!“. Jürgen, dessen Beiträge ich in aller Regel sehr schätze, wollte mit dem Beitrag durchaus provozieren. Seine Intension, durch Druck der Arbeitnehmer, den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen ist durchaus kontrovers zu diskutieren. Wären wir in der freien Marktwirtschaft, könnte ich mir überlegen den Preis für meine Dienstleistung anzuheben und damit die Mehrausgaben der Gehälter amortisieren. Dazu sind wir nicht in der Lage.

Der Beitrag hat aber auch gezeigt, dass es bei vielen Kollegen, sowohl Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern, der Bedarf besteht, die Berechnung eines Gehaltes zu erklären und zu diskutieren.

Das Gehalt ist vom Umsatz abhängig

Grundsätzlich muss man, berechnet man ein Gehalt welches sowohl für Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer fair ist,  das Gehalt zu dem erwirtschafteten Umsatz des Mitarbeiters in Relation stellen.
Einfacher ausgedrückt: erwirtschaftet ein Mitarbeiter nur 5 €, kann ich Ihm keine 10 € bezahlen – logisch.

Vom Arbeitgeber verursachte Kosten gehören auch dem Arbeitgeber

Genauso verhält es sich mit den Kosten. Die Kosten eines Arbeitnehmers, entstehen dadurch, dass der Arbeitnehmer beschäftigt wird. Wäre er nicht in der Praxis beschäftigt, würden die Kosten nicht entstehen. Sie „gehören“ also zum Arbeitnehmer und müssen dort vom Umsatz abgezogen werden.

Zu diesen Kosten berechnet man:

  • Der Urlaubsanspruch
  • Arbeitsunfähigkeitstage (Krank)
  • Fortbildungskosten. Sowohl die Kosten selbst, als auch der evtl. Arbeitsausfall bei einer Freistellung.
  • Sozialabgaben
  • Steuern auf den Umsatz

Umsatzanteil für den Arbeitgeber

Und natürlich benötigt der Arbeitgeber seinen Anteil des Umsatzes. Hiervon zahlt der Arbeitgeber evtl. Ausstattung der Praxis, nicht behandelndes Personal (Reinigungskräfte, Rezeptionskräfte). Er schafft Rückstellungen für Zeiten, in denen Umsatz ausfällt (z.B. Krankheit) oder Neuanschaffungen getätigt werden müssen.

Am Ende möchte der Arbeitgeber, für das Risiko was er eingeht und trägt, auch einen Anteil für sich als Gewinn haben. Würde er diesen Anteil nicht einfordern, dann dürfte er keine Mitarbeiter einstellen. Für seine Risikobereitschaft verdient er seinen Anteil.

Berechnung des Gehalts

Jetzt aber Butter bei die Fische! Was kann ein Physiotherapeut verdienen und welche Faktoren muss ich berücksichtigen?

Ich gehe in meiner Kalkulation vom maximal möglichen Umsatz aus und ziehe dann die umsatzreduzierenden Faktoren ab. Am Ende habe ich sowohl ein realistisches Gehalt, als auch eine Kennzahl für den Zielumsatz des Mitarbeiters. Fällt der Arbeitnehmer, z.B. Quartalsweise betrachtet, unter seinen Zielumsatz muss Arbeitgeber und -nehmer reagieren. Woran liegt es und gibt es eine Erklärung? Nach der Analyse müssen evtl. Maßnahmen abgeleitet werden. Ist die Erklärung z.B. eine längere Erkrankung auf Grund eines Sportunfalls, dann lässt sich daran nichts ändern und fällt unter das Risiko als Arbeitgeber. Hierfür schafft er ja Rücklagen!

Gehen wir von einer Vollzeitstelle mit 40h die Woche aus. Ein Therapeut in einer normalen Praxisstruktur in westdeutschen Bundesländern, erwirtschaftet rund 46,- €/h bei einer 20 Minutentaktung. Diese Zahl kann variieren. Sie ist davon abhängig, wie die Verteilung der Heilmittel und der Privatpatientenanteil in der Praxis ist.

Möchtest Du wissen, wie der Umsatz von Dir oder deinem Mitarbeiter ist, nimmst Du die tatsächlich erbrachte Arbeitszeit am Patienten (Behandlungszeit) und teilst diese durch den erzielten Umsatz. Zugegeben – ohne Software ist die Zeit am Patienten nur sehr mühsam herauszufinden.

So kann also ein Arbeitnehmer, der keinerlei Pausen, Urlaub, Krankheit o.Ä. Unterbrechungen seiner Arbeitszeit hat, kann theoretisch 95.680,- € erwirtschaften. Dies ist natürlich völlig utopisch!

Ausfallzeiten

Wir müssen jetzt die Ausfallzeiten rausrechnen:

In den „umsatzreduzierenden Kosten“ werden die Arbeitsstunden für Urlaub, Krankheit, Teamsitzung und Terminausfälle pro Woche, die nicht kompensiert werden einkalkuliert. Solltet Ihr in der Praxis noch andere nicht-Therapie-Zeiten haben, z.B. Zeit für Dokumentation, Auffangen von Zeitverzug etc, können diese ebenfalls eingetragen werden.

Im Ergebnis sieht man in dem Beispiel: Von den eigentlichen 173,33 Arbeitsstunden im Monat steht er im Jahresschnitt lediglich 138,33 Stunden am Patienten und erwirtschaftet Umsatz. (Kaufmännische Berechnung der Monatsstunden ist nicht Wochenstunden x 4, sondern es wird über das Quartal verteilt. Wochenstunden x 13 (Wochen) / 3 (Monate). Eine andere Möglichkeit sind die Wochenstunden mit 4,3 zu multiplizieren.).
Der daraus zu erwirtschaftende Zielumsatz von 76.400,- € p.a. oder eben 6.360,- € im Monat kann als gute Richtung und/oder Zielvorgabe für den Mitarbeiter gelten.

In dem Zusammenhang ist es doch spannend, wie „teuer“ die wöchentliche Teamsitzung pro Mitarbeiter ist, oder? 2.400,- € Im Jahr, das entspricht, so viel kann ich schon verraten, 790 € bis 890 € Gehalt/Jahr!

… Was übrig bleibt

Jetzt haben wir einen Zielumsatz für den Mitarbeiter. Doch: Was kann ich Ihm davon jetzt ausbezahlen?

Der größte „Brocken“ sind in dieser Beispielrechnung die 60% Anteilige Praxiskosten, Steuern etc. Dies sollte als Arbeitgeber eigentlich der Zielwert sein. Zieht man die rund 35 – 40% Steuern und die Praxiskosten ab, sollten als Richtgröße mindestens 10.000,- € p.a. und Vollzeittherapeuten übrig bleiben. Hier bewegen wir uns gegenüber der freien Wirtschaft noch auf sehr niedrigem Niveau.

Zum Schluss noch die Arbeitgeberanteile der Sozialabgaben und man kommt auf ein Bruttolohn.

Wie man an dieser beispielhaften Rechnung sehen kann, ist der Bruttoverdienst für den angestellten Physiotherapeuten nicht gerade üppig. Wie kann er jetzt selbst sein Gehalt beeinflussen? Therapiefreie Zeit reduzieren.

Als Faustformel für meinen Lohnrechner kann man sagen, dass jeder erwirtschaftete Euro 0,33 € (60% AG Anteil) bis 0,37 € (55% AG Anteil) Gehalt ausmacht.

Sorgt der Arbeitnehmer also dafür, dass keine Lücken im Plan entstehen und keine Ausfälle kompensiert werden müssen, dann kann er bei den 2h die Woche also 130 € bis 150€ monatlich mehr verdienen.

Genauso verhält es sich mit den Ausfalltagen wie Urlaub, Krankheit oder Fortbildungen. Jeder Ausfalltag bedeutet 10 € mehr im Monat.

Die Stellschraube für Arbeitgeber und Nehmer gleichermaßen ist der Umsatz/h. Erhöht man diesen durch besser vergütete Leistungen (MT, KGG) oder schafft es durch sinnvolle Selbstzahlerangebote den Stundensatz zu erhöhen, hat dies einen großen Hebel.

Fazit

Der Gehaltsspielraum im Heilmittelbereich ist äußerst gering. Es müssen alle Kräfte – also Inhaber, Therapeuten und Rezeptionskräfte – gemeinsam dafür sorgen, dass der Plan lückenlos gefüllt ist. Nur so kann Umsatz erzielt werden.
Die Berechnung zeigt aber auch, dass der Arbeitnehmer einen großen Einfluss auf sein Gehalt nehmen kann. Ist er wenig krank, leistet hochpreisige Therapie (Selbstzahler z.B.), dann kann er direkt mehr verdienen.

An dem Beispiel kann man sehen, dass mit einer guten Praxisorganisation (nur 40Min Therapieausfall/Woche), zweiwöchigen Teamsitzungen und einen höheren Stundenumsatz (+19,6%) ein reales Gehalt von 2.700,- € gezahlt werden kann. Und das, das ist das Entscheidende, ohne dass sich der Arbeitgeber selbst betrügt und das Gehaltsplus aus der eigenen Tasche bezahlt hat.

Gehaltsrechner zum Download

Hier kannst du den Excel-Rechner kostenfrei downloaden.

Download Excel-Datei
Von |2018-06-01T13:43:52+00:00Juni 1st, 2018|bB.Blog|2 Kommentare

Über den Autor:

2 Comments

  1. Tastan 6. November 2018 um 8:28 Uhr - Antworten

    Vielen Dank für diesen Artikel!
    Sehr gut, leicht und verständlich geschrieben.
    Und die Berechnungstabelle für das Gehalt ist wirklich super!

  2. Dena 10. November 2018 um 15:15 Uhr - Antworten

    generell ist die formel echt gut
    was fehlte:
    – anzahl der Arbeitstage / woche gibt ja viele TZ kräfte die nur 3-4 Tage / woche Arbeiten
    – feiertage und die wahrscheinlichkeit das diese auf einen Arbeitstag fallen (was auch wieder abhänig von den Arbeitstagen / woche ist)

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